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Jüdische Geschichte und Kultur
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Dr. Evita Wiecki (10.1.1968 – 12.6.2022)

Nachruf

20.06.2022

In der Mitte ihrer Schaffenskraft wurde unsere geschätzte Kollegin Evita Wiecki nach einer schweren und von ihr mit großer Kraft und Geduld ertragenen Leidenszeit aus dem Leben gerissen.

Evita Wiecki wirkte nach ihrem Studium an der Universität Bamberg und ihrer dortigen Tätigkeit als Lektorin für Polnisch sowie der Lehrtätigkeit als Jiddisch-Dozentin an der Universität Regensburg seit 2010 als Lektorin für jiddische Sprache an der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur der LMU. Sie unterrichtete jiddische Sprache und Kultur in all ihren Schattierungen und war als engagierte Lehrerin, die ihre Studierenden forderte und förderte, äußerst beliebt. In den über zehn Jahren, die sie an der LMU wirkte, hat sie bei mehreren Generationen von Studierenden bleibende Spuren hinterlassen. Für viele von ihnen war sie mehr als nur eine Dozentin. Sie war eine Mentorin, die auch Jahre nach dem Studium noch Verbindungen zu ihren ehemaligen Studierenden aufrechterhielt. Es gelang ihr, ihnen über die jiddische Sprache hinaus die Vertrautheit mit einem ganzen Kulturbereich zu vermitteln. Den Studierenden öffnete sie eine völlig neue Welt – eine Welt, die in der Schoa weitgehend vernichtet wurde.

Evita Wiecki war auch eine im Kolleg*innenkreis hochgeachtete Wissenschaftlerin. Ihre an der Universität Düsseldorf eingereichte Promotion "Ein Jude spricht Jiddisch.
Geschichte des säkularen Jiddisch-Lehrbuchs im Polen des 20. Jahrhunderts" ist die erste größere Forschungsarbeit zur Geschichte der Jiddisch-Lehrbücher überhaupt. Mit dieser Arbeit hat Evita Wiecki einen vorher kaum berücksichtigten Gegenstand intensiv in seinem historischen Kontext erforscht. Diese Arbeit erforderte vertiefte historische, sprachliche und kulturelle Kenntnisse, die nur wenige Wissenschaftler*innen besitzen. Sie hat intensive Archivforschung betrieben und eine Vielzahl an Lehrbüchern untersucht. Besonders bemerkenswert ist, dass sie auch die noch für ca. ein Jahrzehnt nach der Schoa bestehende jiddische Lehrtätigkeit unter dem verbliebenen Rest der polnischen Juden untersucht hat. Ihre Studie hat die Jiddisch-Lehrbuchforschung auch für andere Disziplinen geöffnet. In zahlreichen Aufsätzen hat sie die Geschichte der Jiddisch-Lehre weiter vertieft und neue Perspektiven aufgezeigt.

Ein Glanzstück ihrer weit über die Universität hinaus ausstrahlenden Forschungstätigkeit und ihres bewundernswerten Talents, Menschen zusammenzuführen, war ihre Federführung bei der Erforschung der unmittelbaren Nachkriegszeit des Klosters St. Ottilien, das 1945 bis 1948 als Unterkunft für jüdische Displaced Persons diente. Evita Wiecki war 2018 maßgeblich an der Organisation einer internationalen Konferenz beteiligt, die im Kloster stattfand und an der zahlreiche noch lebende „Ottilien-Babys“ aus aller Welt teilnahmen. Ein dauerhafter Rundweg mit zahlreichen Informationstafeln, die über die DP-Geschichte des Klosters informieren, geht auf ihr Engagement zurück.

Neben Lehre und Forschung widmete sie sich auch zahlreichen anderen Aufgaben in der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur. Sie war maßgeblich beteiligt an der Gestaltung und Organisation der jährlichen Europäischen Sommeruniversität für Jüdische Studien in Hohenems. Die Sommeruniversität, die jedes Jahr Studierende aus drei Ländern anzieht und zu einer unverzichtbaren Erfahrung vieler auf dem Gebiet der Jüdischen Studien Tätigen geworden ist, war ganz mit ihrer Person verbunden. Sie hat sich um nahezu alle Aspekte dieser mittlerweile im akademischen Betrieb fest verankerten Veranstaltung gekümmert. Alle, die einmal daran teilgenommen haben, werden sie für immer auch mit Evita Wiecki verbinden. Es ist kaum vorstellbar, wie künftig diese Sommeruniversität ohne sie auskommen wird.

Seit einigen Jahren war Evita Wiecki maßgeblich am Aufbau des Masterstudiengangs Jüdische Studien an der LMU beteiligt. Wie in anderen Bereichen, so kam ihr auch hier ihre Fähigkeit, Verbindungen zwischen Menschen und Institutionen herzustellen, zugute. Es gelang ihr, eine zwischen drei verschiedenen Fakultäten mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Interessen ausgehandelte Vereinbarung mitzugestalten und an den Feinheiten der Studienordnung entscheidend mitzuwirken. Wenn dieser Studiengang einmal seine Tätigkeit aufnehmen wird, sollten die Studierenden wissen, dass er auch auf Evita Wieckis Wirken zurückgeht.

Ein weiterer Bereich, der für Evita Wiecki äußerst wichtig war, ist derjenige der Vermittlung jiddischer Sprache und Kultur für eine breite Öffentlichkeit. So initiierte sie die jährlich stattfindenden Scholem-Alejchem Lectures. Hierzu kommen jedes Jahr international führende Wissenschaftler*innen nach München, um einen Fachvortrag, der auch für ein größeres Publikum relevant ist, in jiddischer Sprache zu halten. Durch ihre weltweite Vernetzung gelang es ihr, die führenden Kolleg*innen aus Nord- und Südamerika, Israel, Frankreich und Osteuropa nach München zu bringen. Sie hat München damit auch auf die Karte der weltweiten Jiddisch-Studien gesetzt. Für viele aus dem Publikum waren diese populären Vorträge oftmals die erste und einzige Möglichkeit, heute noch Jiddisch-Sprecher live zu erleben.

Neben all ihren akademischen und organisatorischen Leistungen war Evita Wiecki aber vor allem jemand, die sich immer für ihre Studierenden und Kolleg*innen eingesetzt hat, im Kolleg*innenkreis weit über das Historicum hinaus beliebt war und die die Förderung des Jiddischen in ihrem Herzen trug.

Die volle Tragweite dieses Verlusts werden wir wohl erst langsam begreifen und in angemessene Worte fassen können. In dieser schweren Zeit gilt unsere Anteilnahme vor allem ihren beiden Söhne Jakob und Theo, auf die sie so unendlich stolz war und die auf ihre Mutter so stolz sein können.

Die Erinnerung an Evita Wiecki wird für uns alle für immer ein Ansporn bleiben.

Prof. Dr. Michael Brenner, für das gesamte Historische Seminar